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Montag, 20. Juli 2015

Durch grünes Land

Unsere letzte Zeit war im Wesentlichen dadurch geprägt, dass wir nach so viel Abenteuer, Erlebnissen und Sehenswürdigkeiten im Iran lieber einen Gang runter schalten wollten. Eh dieses richtige Urlaubsgefühl eintrat, sollte es aber noch einen Moment dauern. Am Van-See verbrachten wir die Zeit noch im Wesentlichen damit, Auto-Inneres und Wäsche zu reinigen, sowie diverse Schriftstücke anzufertigen (zum Beispiel für die hier vorliegende Seite). Ein Restaurant hatte dort eine Kiesfläche als Campingplatz deklariert und so blieben wir drei Nächte an der Stelle. Wir genossen die wunderbaren Tage, mit ihrem milden Wetter, dem leichten Wind und der relativen Ruhe und Beschaulichkeit. Die Abende waren jedoch eher davon geprägt, Schutz im Mobil zu suchen: dichte Schwärme irgendwelcher Fliegen begaben sich an das großzügig beleuchtete Ufer und unterbanden so jeglichen Aufenthalt im Freien, da zu befürchten war, mit jedem Atemzug nebst frischer Luft auch mehrere Gramm Fliegen einzuatmen. So fuhr dann auch folgerichtig jeden Abend ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung mit seinem Pick-Up über den Strand, auf dessen Ladefläche so eine Art Dampfmaschine installiert war. Durch seine Runden am Wasser entlang wurde ein Großteil des Ufers in einen insektiziden Nebel gehüllt, wohl mit dem Ziele den Insektenschwärmen Herr zu werden.  Auch der Kellner des Restaurants machte am Morgen mit einer transportablen Variante dieser Nebelmaschine seine Runden. Der Erfolg schien uns immer noch eher gelinde, aber es sah auf jeden Fall aus, wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film. Das muss doch auch etwas wert sein.

Ausblick auf den Van-See

Im Anschluss an unseren Aufenthalt am Van-See zog es uns erneut in Richtung der iranischen Grenze und zum Ararat. In dem Grenzort Doğubeyazıt bewunderten wir den İshak Paşa Sarayı. Das ist eine mittelalterliche Burganlage, schlicht in der Farbgebung, überreich in der Gestaltung. Beim Erkunden der Burg, mit ihrem Verlies, der Küche, Moschee, Harem, Empfangshallen etc. konnte man sich ganz gut vorstellen, wie es wohl damals war an diesem Ort zu leben. Beinahe hätte sich unsere Zweier-Reisegemeinschaft noch erweitert, da auf dem Zeltplatz auch eine Hundefamilie ansässig war, die gerade Zuwachs von drei ganz kleinen, flauschigen Welpen erhalten hatte, welche Sandra am liebsten sofort adoptiert hätte. Den Ararat gab es übrigens nur einmal ganz kurz zu sehen, bevor er sich wieder hinter den wunderbar kühlenden Gewitterwolken versteckte.

Die Ebene von Doğubayazit 

Das İshak Paşa Sarayı

Im İshak Paşa Sarayı

Im Folgenden wollten wir nun endlich zur Entspannung, für uns in Form des Schwarzen Meeres, finden. Bevor es jedoch so weit war, mussten wir noch eine Menge Auto fahren. Zunächst führte unser Weg uns noch nach Erzurum. Die Stadt, noch tief in Ostanatolien gelegen, konnte durch ihre hübschen, im seldschukischen Stil gebauten Koranschulen und ihrer mittäglichen Entspanntheit überzeugen. Von der Zitadelle, die hoch über der Stadt thronte, bekamen wir einen wunderbaren Rundumblick über die umgebende Ebene und die schneebedeckten Gipfel am Horizont. Im örtlichen ethnographischen Museum erhielten wir einen kleinen Einblick in traditionell anatolische Kleidung, Schmuck, Handwerk und Haushalt.

Grabtürme in Erzurum

Die Yakutiye Medresesi

In der Zitadelle

Nennt man das ein Kugellager? (Zitadelle)

Das Schuheputzen - nur beim Profi

Überhaupt, gefiel uns das anatolische Hochland sehr. Es war geprägt durch schöne Berglandschaften und weite Täler. Und im großen Kontrast zum Iran auch durch großen Wasserreichtum und dementsprechend grüne Landschaften. Diese gewährleisteten, dass nicht jeder fruchtbare Flecken, mit Feldern, Plantagen oder Siedlungen besetzt war, wie es im vorherigen Land  üblich war. So konnten wir drei Nächte hintereinander ungestört und dennoch an wunderschönen Orten wild campen. Eine Möglichkeit, die in den zwei Monaten Iran praktisch nie bestand.
Unsere Cloud Machine muteten wir auf unserer bisherigen Tour auch Einiges zu. Obwohl wir bereits 20000 km gefahren waren, waren wir immer noch einen Ölwechsel und die Pflege des Dieselfilters schuldig. Also suchten wir auf unserer Strecke zum Schwarzen Meer eine der zahlreichen Werkstätten auf, die enorm freundlich, schnell und günstig den Ölwechsel durchführten, sowie Öl-, Diesel- und Luftfilter tauschten. Das alles im Tausch gegen knapp 200 Lira, also 60 €. Wir fuhren noch ein kleines Stück weiter, um an einer Tankstelle, die dringend benötigte Autowäsche durchzuführen. Als wir wieder starten wollten, entschied sich das Auto dies nur mit sehr begrenzter Leistung zu tun. Der Motor stotterte, hustete und prustete und das Mobil ließ sich lediglich auf flotte Schrittgeschwindigkeit beschleunigen. Nach dem Öffnen der Motorhaube mussten wir schnell feststellen, dass es fleißig aus dem gerade frisch eingebauten Dieselfilter tropfte und bei noch genauerer Inspektion hatten wir auf einmal einen gebrochenen Dichtungsring in der Hand.
Bei den Tankstellenwärtern wollten wir uns eigentlich nur kurz nach der nächsten Werkstatt erkundigen. Sie ließen es sich aber nicht nehmen kurz nachzuschauen, was das Problem sei und es wurde eilig telefoniert und sie gaben uns irgendwie zu verstehen, dass ein KFZ-Rettungswagen auf dem Weg sei. Dieser traf kurze Zeit später ein und ohne viel Worte gingen die beiden Mechaniker schnell zu Werke und ruck zuck lag der eigentlich noch ganz frische Dieslfilter auf dem Fußboden und ein neuer wurde eingebaut. Zwar ein etwas zu überambitioniertes Vorgehen, aber aufgrund der Sprachbarriere war es schwierig den Herren dies klarzumachen. Da sie jedoch auch den Dichtungsring mit austauschten, war das Problem nun gelöst und wir konnten für weitere 30 Euro mit einem bis heute einwandfrei fahrendem Auto unseren Weg fortsetzen.
Dieser führte uns dann ans Schwarze Meer, zunächst nach Samsun. Wir suchten den gleichen Zeltplatz auf, den wir schon im Winter nutzten. Allerdings war er trotz Sommer nicht schöner geworden. Er lag immer noch an der Stadtautobahn und an einem Hafenbecken, das nun in der warmen Zeit jedoch auch noch einen klärigen Duft verströmte.
Diesmal waren wir aber nicht allein, sondern teilten uns den Platz mit einigen Türken aus Deutschland auf Heimaturlaub und einem jungen Mann, der Deutschland verlassen hat um wieder dauerhaft in der Türkei zu leben. Er erklärte uns, dass er in Deutschland wenig Perspektiven sah. Trotz langjähriger Berufserfahrung habe er immer noch den Eindruck, dass in den Personalabteilungen im Zweifel lieber auf den etwas schlechter qualifizierten „Bernd“ zurückgegriffen wird als auf alle „Alis“, „Mohammeds“ oder „Murrats“, die ihre Bewerbungsunterlagen einreichen. In der Türkei kann er, so wie viele seiner Freunde und Familienmitglieder, die zuvor in Deutschland lebten,stattdessen entspannt in der Türkei arbeiten, der Verdienst sei  in Ordnung und das Wetter ist auch besser.
Das gibt einem schon etwas zu denken, dass wir als deutsches Volk es nie so richtig geschafft haben uns von den alten Ressentiments zu befreien und dafür nun Landsleute lieber in ihrer ursprünglichen Heimat leben, als mit uns.
Am Folgetag erreichten wir schlussendlich Sinop, fanden dort einen feinen Zeltplatz und dann begann der Urlaub. Nach drei Tagen Lesen, Baden, Seele-baumeln-lassen, fuhren wir immer noch geprägt von diesem Geist weiter die Schwarzmeerküste entlang. Zunächst bewunderten wir noch ein paar Wasserfälle in der Nähe von Sinop und folgten dann die Küstenstraße. Diese entpuppte sich zwar als stetige Berg- und Teilfahrt und war durch ihre Enge auch nicht immer entspannt zu fahren, aber dafür sind an der Schwarzmeerküste in engen Abständen Campingplätze zu finden, so dass wir die Strecke in überschaubare Portionen aufteilen konnten. 

Die Blaue Lagune an den Erfelek-Wasserfällen, Brooke Shields nicht im Bild

Schwarzmeerküste

"Badestrand" in Akçakoca

Letztendlich landeten wir wieder in Istanbul und saugten noch einmal das besondere Flair der Stadt auf. Außerdem besuchten wir gemeinsam mit ungefähr 50 Millionen anderen Touristen wieder die unfassbar schöne Blaue Moschee und erkundeten drei Stunden lang den beeindruckenden Topkapı-Palast. 


Gartenhäuschen im Tokapi-Palast

Im Harem des Palastes

Auf dem Weg nach Bulgarien hielten wir noch kurz in Edirne, um unseren Wagen mit feinsten türkischen Waren zu füllen. Auf dem Weg zur Grenze kamen uns bereits Heerscharen an Fahrzeugen mit Dachbox entgegen, die laut Nummernschild Deutschland, Holland oder Belgien entstammten und anscheinend allesamt mit Leuten auf Heimatbesuch gefüllt waren. Da waren wir froh in die entgegengesetzte Richtung unterwegs zu sein, da so die Schlange an der Grenze lediglich aus fünf Autos bestand, nicht aus 200, wie auf der Gegenseite. Der Grenzübertritt erfolgte erschreckend unkompliziert. Wir mussten weder endlos lange warten noch überhaupt das Auto verlassen. Ein Grenzbeamter vergewisserte sich nur, dass wir auch wirklich nur zu zweit waren. Für den Schengenraum sicher gängige Praxis, aber nach unseren Grenzerfahrungen der letzten Monate ein positiver Kulturschock.

Edirne


In Bulgarien angekommen verweilten wir erstmal zwei Tage in Grenznähe. Der dortige Campingwärter, erklärte uns die Vorteile dessen, als Engländer, wie er es ist, in Bulgarien eine Heimat zu finden. Billig, entspannt, gutes Wetter – um es kurz zusammen zu fassen. Wie es ist, in Bulgarien einen Campingplatz zu führen – einfach, weil das Land touristisch kaum erschlossen ist, so dass man schon mit einfachsten Mitteln einen Wettbewerbsvorteil erhält und den Tourismus noch regelrecht prägen kann. Als er sich gerade dazu aufschwang, darzulegen, warum es nur vorteilhaft sein kann, sich aus dem mitteleuropäischen Wettlauf, den wir Arbeitsleben nennen, auszuklinken und stattdessen zu Reisen oder entspannt im Ausland zu leben, musste das Gespräch dann jedoch ein Ende finden, da wir uns vorgenommen hatten an dem Tag noch die Stadt Plovdiv anzuschauen.

Wir erkundeten in dieser hübschen Stadt die engen Gassen, die Antiquitätenläden, das römische Amphitheater und genossen es, uns ohne schlechtes Gewissen mitten am Tag in ein Restaurant setzen zu können, da ja in Bulgarien für die Mehrheit der Menschen der Ramadan nichts bedeutet. Am Abend fuhren wir zum Batak-See, wo uns ein weiterer schöner Campingplatz in wundervoll ruhiger Umgebung erwarten sollte, an dem wir gerne drei Tage verweilten. Von dort aus ging es weiter zum Rila Kloster, welches wunderhübsch im gleichnamigen Gebirge gelegen ist. Wir bewunderten die sehr schöne Anlage, die enorm farbenfroh und flächendeckend bemalte Kirche, das niedliche Museum über das Handwerk im Kloster und nutzten die herrlich waldige Umgebung, um kleine Spaziergänge, wie zum Beispiel zum Grab des Heiligen Rila, zu unternehmen.
Das Amphitheater in Plovdiv

Der Campingplatz am Batak-See


Rila-Kloster

Fröhliche Fassadengestaltung an der Klosterkirche

"Ein Happs für Mama ..."

Nach dem Rila-Gebirge ging es weiter in die Hauptstadt Bulgariens, die zwar wenig mit den großen europäischen Metropolen gemein hat und ein eigenes schönes Flair verströmt, dass bis auf einige sehr abstrakte kommunistische Kunstwerke sogar sehr wenig an die Sowjetunion erinnert. Stattdessen gibt es von innen reich bemalte Kirchen, alte Gründerzeitvillen, eine gemütliche Einkaufstraße und ein paar kreative Bewohner, die das Stadtbild noch verschönern.

Neben einigen Kirchen, die während der 500jährigen Besatzung durch die Ottomanen fast alle als Moscheen fungierten, besuchen wir auch das nationale Historische Museum. Hier ging es um die Stein- und Bronzezeit, die Hochkultur der Thraker, die Unterdrückung der bulgarisch-orthodoxen Kirche durch die Ottomanen und die Aufrechterhaltung des Glaubens trotz der Besatzungsmacht, um bulgarische Trachten und die etwas neuere Geschichte. In der Zeit der beiden Weltkriege wurde das Land von einer Zarenfamilie beherrscht. Im 2. Weltkrieg arbeitete der Zar zunächst mit Hitler zusammen, verweigerte aber unter Anderem die Auslieferung der in Bulgarien lebenden Juden. Ein weiterer interessanter Fakt: Sein Sohn, der letzte bulgarische Zar musste das erste Mal während des Krieges flüchten und wurde später von den Kommunisten ins Exil geschickt. Die beiden Länder, die er aufgrund von Krieg und politischer Verfolgung zunächst aufsuchte: Syrien und Ägypten. Aber einen ehemaligen Zaren würden wir vielleicht auch aufnehmen!

Die Aleksander-Nevski-Kirche

Laut Reiseführer das "Party House"

Wachen vorm Präsidentenpalast

Ein indisches Filmteam empfand den Vorplatz der Nevski-Kirche als den schönsten Ort, um ein Greenscreen aufzubauen

Das "Monument des Bulgarischen Staates", laut Reiseführer ein "eyesore" (engl.: Augenschmerz)

Sonntag, 15. März 2015

Georgien und ein Streichelzoo auf der Straße

Wir verließen die Türkei am Grenzübergang bei Sarp am schwarzen Meer. Vor uns reite sich eine lange Schlange georgischer und türkischer Autos und wir verdrehten ein wenig über uns selbst die Augen, dass wir ausgerechnet an einem Samstag Nachmittag den Weg in unser nächstes Reiseland antreten müssen... Aber nach einer guten Stunde Stop-and-Go erreichten auch wir die ersten Kontrollhäuschen. Unsere Pässe wurden fleißig gestempelt, für unser Auto oder uns interessierte sich auf der türkischen Seite niemand ernsthaft und nach der jeweiligen Kontrolle unserer Papiere wurden wir immer weiter gewunken. An der georgischen Grenzstation angelangt, wurden wir von einem gut gelaunten Mitarbeiter in überraschend guten Englisch ein wenig zu unseren Absichten befragt. Was ist ihr Reiseziel? Transportieren sie noch weitere Fahrgäste? Ein kurzer Blick in unser Auto und schon ging es weiter zum erneuten Ausweise stempeln. "Welcome to Georgia"!

"Grenzsteine", noch in der Türkei
Eine Grenze zu passieren hält immer einige Überraschung bereit. Eigentlich ist man nur wenige Kilometer auf der selben Straße gefahren und trotzdem ist man plötzlich in einer ganz anderen Welt. In der es zum Beispiel schon zwei Stunden später ist, als noch vor fünf Minuten... Auf türkischer Seite hatten wir uns beim warten noch über die Moschee an der Grenze gefreut, da diese mit Sicherheit öffentliche Toiletten bereit halten. In Georgien erwartete uns die erste Kirche seit langem und es werden wohl noch viele folgen. Die Frauen tragen statt langer Mäntel und Kopftuch plötzlich kurze Lederjacken und Pelzimitat. Die Straßen haben schon jetzt, nach zwei Tagen, den Preis für die Schlechtesten auf unserem bisherigen Weg gewonnen. Obwohl wir doch durch Rumänien gefahren sind... Die Häuser erinnerten uns in den ersten Orten irgendwie an Amerikanische Südstaaten, große quadratische Holz- oder rostende Blechhäuser mit großer Veranda und vom Frühling überquellenden Gärten. Überhaupt wirkt Georgien unglaublich grün auf uns, nach dem trockenen Zentralanatolien. Alles scheint den Frühling zu begrüßen und zu wachsen, die Gärten sind überseht mit blühenden Osterglocken, Forsythien, Tulpen- und Hibiskusbäumen und etwas bisher nicht identifiziertem, knallig Pinken.
Zwischen meinen erstaunten Ausrufen über die Flora war Fabi beim Autofahren auch immer wieder mit der hiesigen Fauna konfrontiert, zumindest der domestizierten. In Georgien scheinen noch glückliche Schweine, Kühe, Pferde, Ziegen, Schafe, Enten, Gänse und Hühner zu leben. An die fünf letztgenannten und die obligatorischen Hunde, die uns seit Ungarn begegnen, waren wir im Straßenverkehr ja bereits gewöhnt. Hier laufen nun auch die größeren Haustiere frei und uneingeschränkt durch die Dörfer, liegen am Straßenrand in der Sonne, stehen auf Zebrastreifen, oder einfach so mitten auf der Fahrbahn herum und erfreuen sich ihres Daseins.

Endlich verstanden, warum das Schwarze Meer eigentlich Schwarzes Meer heißt

Pracht(neben)straße in Poti, Georgien

Häuser in Poti
Eine Dorfstraße mit Blütenpracht

Die Kuh und der Zebrastreifen
  
Ein Schwein unter Palmen

Menschen sind uns bis jetzt wenige, aber sehr hilfsbereite begegnet. Die Touristeninfo in Zugdidi hat uns mit sämtlichen Flyern versorgt, die man wohl zu Westgeorgien besitzen kann, inklusive Wetterbericht für die nächste Woche. Die Rezeptionistin im Anaklia-Hotel in !Achtung! Anaklia, die scheinbar mindestens deutsch, englisch, russisch und georgisch spricht, hat sich zusammen mit drei weiteren Mitarbeitern um eine Möglichkeit für uns bemüht, möglichst preisgünstig in Anaklia unterzukommen, ohne Dusche und Internet missen zu müssen. (Dazu folgende Ausrede: Ohne Internet wohl auch kein Iran-Visum! :-( Und ohne Dusche, eben keine Dusche.) Am Ende sind wir zum halben Preis direkt im Hotel geblieben, denn auch des schwarze Meer in Georgien ist nicht gerade von der überbordenden Wintersaison gezeichnet...

Am Strand von Anaklia

Wie es uns sonst so geht:

Wir sind nun seit mehr als zwei Monaten unterwegs und haben um die 6400 km überwunden, Georgien hält die fünfte Währung bereit, die auch wie die türkischen Lira und die iranischen Rial aus den selben Buchstaben besteht, sich zur Abwechslung aber Lari nennt. Die Zeitverschiebung beträgt drei Stunden, solange in Deutschland noch Winterzeit gilt. Und die Welt ist erneut eine andere. (Ich weiß, dass ich mich an dieser Stelle wiederhole. Aber wenn man sich für mehrere Wochen an die Gegebenheiten in der Türkei gewöhnt hat, vielleicht die Leute ein wenig einschätzen kann, einiges von dem Essen, dass in Imbissen verkauft wird, mal probiert hat, Worte wie ja/nein/eins/zwei/danke/Guten Tag/Hühnchen/Rind/Fisch/Brot/Reis/Tee/lecker schon recht locker von der Zunge gehen, auch wenn "Auf Wiedersehen" noch immer mit "Good Bye" überspielt wird, und natürlich tausend andere Kleinigkeiten gelernt hat, die Teil eines Landes sind, ist es auch schwer wieder von vorn anfangen zu müssen und nicht nur spannend.)

Nach den vielen Fahrtagen seit Göreme sehnen wir uns mal wieder nach einer Pause, suchen aber wohl zu sehr nach einem Ort, an dem wir uns wirklich wohl fühlen. Der Versuch sich einfach treiben zu lassen, endet manchmal mehr in dem Gefühl, getrieben zu werden. Die letzten Tage waren zwar gezeichnet von günstigen Übernachtungsarrengements, ließen aber immer nur die Option, am nächsten Tag wieder aufzubrechen und weiterzusehen. Neuer Ort, neue Menschen, neue Gegebenheiten, wenig feste Anlaufpunkte. Auf Angaben im Internet kann man sich um diese Jahreszeit eigentlich nie verlassen. Es bleibt Trial and Error jeden oder jeden zweiten Tag. Wir haben zwar unser kleines Haus dabei, aber der Stellplatz entscheidet über den Wohlfühlfaktor. Und manchmal ist wohl auch diese Art des Reisens sehr zu hinterfragen: Wir bewegen uns immer in unserem eigenen, kleinen Reich, dessen Vorteil ist, die Umgebung ausschließen zu können, aber auch sein größter Nachteil. Die Menschen denen wir begegnen, sind meistens Campingplatzbesitzer und Tankwarte, die wenig mit uns anzufangen wissen, noch wir mit ihnen. Die Natur zieht mit 50 - 80 km/h an uns vorbei und ist fort.

Wir sind gespannt, ob der Kaukasus uns trotz März für ein paar Tage ein Wandererlager aufschlagen lässt, um die Welt um uns herum ein paar Tage weniger durch eine Scheibe zu betrachten. 




Türkei, letzte Woche

Göreme präsentierte sich zum Abschied am Morgen erneut mit einer Sinfonie aus nunmehr siebzig Heißluftballons, die am Samstagmorgen der Stadt entstiegen. Gemeinsam mit den zwei englischen Weltenbummlern Emma und Andy, die ebenfalls auf dem Campingplatz weilten,  bestaunten wir dieses schöne Spektakel und tauschten uns nebenbei über Routen, Visa, Pläne und Träume aus. Hier kann man ihre verfolgen.

Morgens, 6.30 Uhr in Göreme.

Von Kappadokien aus machten wir uns umgehend auf die Fahrt ins 250 km nördlicher gelegene Boğazkale. Unterwegs kamen wir beim Fahren erneut mit der schier unfassbaren Größe und Weite Zentralanatoliens in Kontakt. Weite Ebenen, schnurgerade Straßen, entfernte, majestätisch und allein thronende Vulkangipfel. Der Halt zu einem Snack unterwegs in Kırşehir, hält mal wieder die Erkenntnis bereit, dass auch kleine, vom Baedecker nicht erwähnte Orte hübscher sein können, als die von Selbigem mit zwei Sternen abgesegnete. 

Marktplatz von Kırşehir

Dennoch halten wir uns nicht länger auf, sondern eilen weiter und weiter tiefer in die Berge, beobachten wie die Umgebung nicht mehr so steppig trocken sondern saftend grün erscheint.
Eingebettet in sanfte Hügel, reich an quellenden Wassern und außer uns praktisch touristenfrei erscheint uns das Dorf Boğazkale. Wir werden freundlichst begrüßt. Statt in dem saisonbedingt geschlossenen Campingplatz, stellen wir uns in das malerische Gärtchen eines zugehörigen Hotels und dürfen da des Nächstens friedlich schlummern.

Blick über Hattuša und Boğazkale

Was wir in dieser Idylle wollen? Natürlich alte Steine begutachten. Diesmal sind diese auch wirklich richtig alt. Hingebaut wurden sie von den Hethitern. Einem stolzen Volksstamm, der, bevor es die Griechen, wie wir sie aus den Geschichtsbüchern kennen, gab, praktisch die gesamte heutige Türkei plus Teile Syriens, des Libanons und Palästinas als ihr Großreich ansehen durften. Und die Hauptstadt dieses Reiches war Hattuša, das heute eine große Ausgrabungsstätte in eben jenem Boğazkale ist. Und mit großer Ausgrabungsstätte meinen wir auch genau das. Drei Stunden strammer Fußmarsch braucht es schon, um sich - wie wir - im Eilverfahren und kurz vor Ladenschluss mal eben die ganzen reichen Schätze der Bildenden Kunst aus der Zeit circa 3000-1500 vor Christus zu Gemüte zu führen. Hieroglyphen, Grundmauern von Palästen, prächtige Tore, ein mächtiger Wall von hundert Metern Dicke (inklusive komplett begehbarem Tunnel hindurch) und weitere Teile der Stadtmauer, die im Eingangsbereich für 60 Meter Länge rekonstruiert wurde. Das alles bei prallem Sonnenschein mit Blick auf die sanfte Umgebung und ungestört. So kann man Attraktionen noch viel mehr genießen.

Unterstadt und rekonstruierte Stadtmauer von Hattuša


Grundmauern des ehemaligen Palastgeländes

Das Löwentor in der alten Stadtmauer (teilweise rekonstruiert)

Hieroglyphen: an einer Wand, in einer Höhle

Schutzwall von außen am höchsten Punkt der Stadt

Treppe im Schutzwall

Sphinxtor (Nachbildung)

ehemaliges Palastgelände. Die Straße im Hintergrund gehört noch zum Ausgrabungsgelände (!)

Am darauf folgenden Tag wollten wir noch bis an das Schwarze Meer kommen. Nach dem Frühstück kamen wir aber noch unseren bildungsbürgerlichen Pflichten nach und statteten dem Yazılıkaya noch einen Besuch ab. Ein heiliger Schrein der Hethiter, wo noch einige staunenswerte Bildhauereien in den Fels geschlagen wurden.

Eine verzierte Wand im FelsheiligtumYazılıkaya

Danach ging es vom touristischen und reiserischen Standpunkt eher bergab. Die Strecke zum Schwarzen Meer schaffte es kaum unsere Blicke zu fesseln, der Mittags-Speise-Stopp im sonst nicht weiter bekannten Merzifon war auch nicht wirklich sympathisch wie zwei Tage zuvor in Kirsehir, sondern eher von Begafft-Werden geprägt, und das Schwarze Meer selber präsentierte sich als so langweilig graue Suppe, wie wir sie von Rumänien noch in schlechter Erinnerung hatten. Dazu kam anstrengender, lastkraftgewagter Straßenverkehr und graues, staubiges Wetter und mit Samsun als Ziel eine Stadt, die durch ihr absolut egales Äußeres nicht dazu einludt, es weiter zu erkunden. Der Zeltplatz befand sich direkt an der Ausfallstraße, umgeben von zehn schlecht, aber laut, singenden Muezzinen, und statt Blick aufs weite Meer gab es den Blick auf die Enge einer Wasserski-Anlage samt Kaimauer. Aber immerhin war er staatlich gefördert und hat uns umgerechnet nur etwa fünf Euro gekostet.

Samsun und das Meer

Samsun war aber sowieso nur als Zwischenstopp gedacht und so fuhren wir am kommenden Morgen schnell weiter nach Trabzon. Immer am Schwarzen Meer entlang. Teeplantagen oder halbverfallene Städte rechterhand, das Meer linkerhand. Klingt zwar auf dem Papier toll, war aber in Echt auch sehr unspannend.Wir mieteten uns bei Trabzon für zwei Tage auf einem etwas überteuerten Campingplatz ein, dessen Toiletten zwischen 22 und 9 Uhr leider geschlossen hatten und dessen WiFi-Internet mich an die seligen ISDN-Zeiten zurück denken ließ, als man sich zwischen Seitenaufruf und Seitenladen in Ruhe einen Kaffee kochen konnte. Bei diesem Campingplatz konnte man den Kaffee zusätzlich auch noch trinken und die Tassen auswaschen bis der Cyberspace einem zu Füßen lag.

Am nächsten Tag sind wir ausnahmsweise sehr zeitig den Betten entstanden, um pünktlich vor neun Uhr im 30 km entfernten Trabzon zu sein, um bei dem Iranischen Konsulat bezüglich eines Visums vorstellig zu werden. Wir klingelten als erste des Tages an der Tür des Konsulats, durften aber selbiges postwendend wieder verlassen, da wir keine 'Reference Number' des Iranischen Auswärtigen Amtes vorweisen konnten, welches man mittels spezieller Reiseagenturen beziehen kann. Bis zu diesem Moment waren wir noch auf dem veralteten Wissensstand waren, dass in der Trabzon'schen Botschaft eine solche Nummer nicht vonnöten sei. Aber offensichtlich haben sich die Regularien innerhalb der letzten Wochen verschärft, so dass wir nun mit leeren Händen da standen und schwer enttäuscht wieder gehen mussten.
Also dachten wir, zurück zum Campingplatz! Einen Platz an der WiFi-Sonne besetzt und dann das Internet glühen lassen, um rauszufinden, wie das denn nun mit den Referenznummern genau läuft und wo und wie wir einen weiteren Botschaftsgang wagen können ... Durch oben beschriebene technische Hindernisse geriet auch das zum nervenaufreibenden Ärgernis. Am Ende unserer Nerven und mit der zäh gewonnenen Erkenntnis, die Nummer für die Botschaft über diese oder jene Reiseagentur zu beantragen und in Yerevan, Armenien abzuholen, wollten wir dann doch noch kurz den Kopf frei bekommen und machten uns zum nahe gelegenen Sümela-Kloster auf.

Trabzon. Spielplatz. Iranisches Konsulat im Hintergrund

Zwei Eremiten aus Athen dachten sich circa im Jahre 350 n.Chr., dass es doch eine feine Idee sei, in eine Höhle, an einer fast senkrechten Steilwand einer tiefen Schlucht, in knapp 300 m Höhe eine kleine Kapelle zu bauen, um eine Ikone zu verstecken und schützen. Aus unerfindlichen Gründen fand die Idee im Nachfolgenden auch weiter Bestätigung so dass nun ein ausgewachsenes Kloster in völlig unmöglich zu erreichender Lage am Felsen hängt. Also ächzte sich erst unser Bus eine halbe Stunde und dann noch einmal wir zu Fuß eine halbe Stunde die Schlucht hinauf, um wenigstens mal einen Blick von außen drauf zu werfen. Um das Kloster selbst zu besichtigen, waren wir naturgemäß zu spät, da die Öffnungszeit praktisch beendet war. Dennoch ein beeindruckender Anblick und ein schöner Spaziergang.

Sümela-Kloster, in bester Hanglage

Am folgenden Freitag dem 13. wollten wir uns weiter der georgischen Grenze nähern und vielleicht auch noch mal zwei Tage entspannen, Bus und Seele pflegen. Der Plan wurde durch eine Vielzahl an logistischen Problemen vereitelt, der sich eigentlich damit zusammen fassen lässt, dass außerhalb der Saison Campingplätze für gewöhnlich nicht geöffnet haben. Letztendlich sind wir dann wieder weg vom Schwarzen Meer ein paar Kilometer ins Landesinnere gefahren, wieder durch eine tiefe Schlucht hinauf in die Berge, um dann mit der Dämmerung in Ayder zu landen. Einem hübschen Lufterholungsort mit süßen Holzhäusern und holprigen Straßen. Und theoretisch auch einem Campingplatz. Da dieser aber auch geschlossen und uns das Wildcampen im Nationalparkbereich nicht ganz geheuer war, landeten wir auf dem Parkplatz eines kleinen Hotels, wo uns sehr freundlich geholfen wurde und uns somit doch noch ein guter letzer Abend in der Türkei beschieden war.

Ayder

Teeplantagen